Lemke - Nendza - Hillmann
EL ARTE


Wenn drei Musiker, die sich aus unterschiedlichen Spielsituationen bestens kennen, neu gruppieren, dann, weil sie annehmen, sich noch viel zu sagen zu haben. Johannes Lemke verbindet mit Andre Nendza eine langjährige musikalische Freundschaft, der wiederum agiert in eigener Sache nie ohne Christoph Hillmann. Zwei gewachsene Achsen, die nun zu einer verschmelzen.
Ihr Debüt trägt den Titel EL ARTE. Die Kunst. Benannt nach einer Komposition. Nicht mehr und nicht weniger. Dem Kind einen Namen zu geben, ist für Musiker häufig die schwierigste Herausforderung. Drum sollte man mühsamen Titel-Geburten nicht allzu bedeutungsschwangeren Gehalt beimessen. Hier aber vielleicht doch? Wenn Kunst ästhetischer und gelegentlich ästhetisierter Ausdruck des Lebens ist, dann steckt in EL ARTE viel Kunst, viel (vom) Leben.
Das Stimmungsbarometer reicht von schwül-sinnlich (El Arte), jubilierend und parlierend (Be Cheerful) bis zum melancholischen Abgesang (Oh, Brother). Emotionen, Befindlichkeiten, der Ein- und Ausdruck von Er- und Gelebtem. Zum Beispiel von Ausflügen ins Jenseits des eigenen Tellerrands. Musiker nutzen das Privileg, Reiseimpressionen durch Kompositionen zu verarbeiten und auf diese Weise konservieren zu können. Auch davon steckt viel in EL ARTE. Wir werden eingeladen auf eine Reise durch diverse musikalische Landschaften. Eine musikalische Weltreise, ohne gleich zur "Irgendwie-Ethno/ich-weiß-nicht/na-ja-halt:Weltmusik" zu werden. Nein, wir landen nicht im Niemandsland, in jener Grauzone, in der flötende Hirtenjungen, trommelnde Ältestenräte und obertönende Mönche mit dem polyglotten Jazzer eine regenbogenfarbene Friedenspfeife schmauchen. Nein, wir befinden uns nicht im global village, das überall und nirgends liegen kann. Die Ausflüge von Lemke-Nendza-Hillmann sind durchaus geographisch lokalisierbar.
El Arte entführt uns nach Kuba, Namioke nach Indien, Barab in den Orient, The Concept Of North eben dorthin. Doch Vorsicht: Nicht jeder Titel ist gleich ein erkennungsdienstlicher Hinweis: Schon auf Nendzas Album THE INVENTION OF ROOMS entkräftigt er ausdrücklich die Annahme, bei Kirek handele es sich um etwas, das man in einem türkischen Restaurant ordern könne. Des Rätsels vermeintliche Lösung ("...comes from two of the most moving characters in jazz") läßt auf wunderbare Weise einiges offen.
Und noch einiges mehr bleibt offen, so offen wie das Triokonzept - offen für eigene Interpretationen, für eigene Phantasie. Nicht, daß die Drei sich unverbindlich gäben. Nein, es ist nicht "einfach nur Musik": Just call it music - dieser Lieblingssatz von Musikern hat allzu häufig den Beigeschmack eines bequemen Ausweichens und verpufft im luftleeren Raum eines heillosen Relativismus. Lemke-Nendza-Hillmann lassen keinen Zweifel aufkommen: this is jazz (wer dennoch zweifelt, dem sei ein hörender Vergleich von LIRICO's Waiting-Version auf dem Album TRE und der vorliegenden empfohlen).
Etwas offen lassen hat auch mit offen sein zu tun. Jazzmusiker, versiert in einer Sprache, die selbst aus einem Verschmelzungsprozesses hervorgegangen ist, absorbieren schnell "fremde" Einflüsse. Einem kulturellen Schwamm gleich, saugen sie ihre akustische Umwelt auf und filtrieren dabei die Essenzen heraus, die ihnen nutzbar erscheinen. Lemke-Nendza-Hillmann können in dieser Hinsicht bereits auf Erfahrungen zurückgreifen.
Der Saxophonist und LIRICO-Gründer Johannes Lemke hat mit indischen und afghanischen Musikern zusammengearbeitet, sich mit liturgischen Texten und Kontexten vertraut gemacht und Brücken zu Nachbarkünsten wie dem Tanz geschlagen.
Andre Nendza, früherer LIRICO-Bassist und auf deren 4. Album SUSSURRO als Gast wieder dabei, zieht seit jeher Inspirationen aus den unterschiedlichsten Quellen. Seien es Klänge, Literatur, Poesie, Filme oder Farben.
Christoph Hillmann ist Schlagzeuger und Perkussionist in Personalunion. Allein dadurch geht er bereits eine schlagende Verbindung mit den Globetrommlern ein. Ob Osteuropa, Afrika, Asien oder Südamerika - kaum ein Rhythmus, der ihm wirklich fremd ist.
All dies macht sie zu Musikern, die gleich viel geben können. Und zu nehmen verstehen. Deshalb sind sie ein Kollektiv, das nicht nur auf der nominellen und der urheberrechtlichen Ebene Gleichberechtigung demonstriert. Entscheidend ist, daß sich diese Haltung sich auch im Innern, in der Musik, im Zusammenspiel offenbart.
Entfaltungsmöglichkeiten bietet sich ihnen zur Genüge. Der Verzicht auf ein Harmonieinstrument verspricht mehr Bewegungsräume, größere Freiheit. Die will freilich gelernt sein. Mit ihr umzugehen, verlangt nach Verantwortung, nach Teilen, nach Zuhören. Ist diese Tugend verinnerlicht, entstehen die interessantesten Dia- und Trialoge. EL ARTE zeigt: Lemke-Nendza-Hillmann haben sich viel zu sagen. Und damit auch uns.


Karsten Mützelfeldt



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